Wo soll es hingehen? Junge BR über die Zukunft von Arbeit und Interessenvertretung


Die Jugend ist entscheidender Akteur im Prozess der gesellschaftlichen Selbsterneuerung. Und sie hält uns den Spiegel vor. Wir fragen junge betriebspolitisch Aktive, was sie gerne anders machen würden und wie sie die Zukunft sehen – eine Zukunft, die sie sehr stark mitgestalten werden. Dieses mal gibt uns Cheyenne Todaro (26), Betriebsrätin bei Mercedes-Benz in Mannheim, Auskunft über die Ausgestaltung der Arbeitswelt und ihres Gremiums in fünfzehn Jahren. Erfahrt von ihr die Chancen und Risiken der Transformation! Ein Interview.






Hey Cheyenne, wo zeigt sich bei euch die Transformation am deutlichsten?


Bei uns hier am Standort Mannheim zeigt sich die Transformation in der Produktion beispielsweise am Zuwachs der Robotic oder an neuen technischen Hilfsmitteln wie Pick-by-Light bzw. Put-to-Light. Es sieht aber nicht so aus, als ob der Mensch demnächst komplett von den Maschinen verdrängt wird. Für den Angriff der Roboter wird auch einfach zu wenig investiert. (lacht) Allerdings zeichnet sich ab, dass aufgrund des technologischen Fortschritts und vereinfachter Arbeitsprozesse qualifiziertes Personal in diesem Umfang nicht mehr benötigt werden. Das Lohnniveau wird insgesamt zurückgehen. Niedrigqualifizierte Arbeit wird aber nicht aussterben.


Was sind derzeit die größten Herausforderungen für euren Betrieb?


Die größte Herausforderung sehe ich in der Weiterqualifizierung der Beschäftigten. Die Menschen müssen mit dem technologischen Fortschritt mithalten können – sonst verlieren wir sie unterwegs. Wenn neue Systeme eingeführt werden, brauchen wir parallele Qualifizierungen. Alle müssen rechtzeitig mit einbezogen werden – nicht erst wenn die neuen Maschinen schon installiert sind. Das setzt aber auch die Lernbereitschaft seitens der KollegInnen voraus. Das Lernen muss wieder gelernt werden; lebenslanges Lernen muss das Motto sein. Den Beschäftigten ist das manchmal nicht ganz leicht zu vermitteln. Viele KollegInnen arbeiten lieber, als sich fortzubilden. Ich glaube, dass hierbei oft Versagensängste eine Rolle spielen. Es ist nicht einfach, ein neues volldigitales System zu verstehen, wenn man sich seit dreißig oder vierzig Jahren sich nicht mehr schulisch weitergebildet hat. Mit fortschreitendem Alter wird alles immer schwieriger. Die Transformation erfordert aber dass wir mitziehen. So ist das nunmal, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern.


Wie kann man die Beschäftigten darauf vorbereiten?


Ich glaube, ein guter erster Schritt kann in solchen Situationen ein gemeinsamer, also für das ganze Team verpflichtender Besuch eines Transfomations-Seminares z.B. der IG Metall sein. Da bekommt man viel Input und kann abhängig vom Betrieb eigene Schwerpunkte setzen. Als ich selbst bei einer Qualifizierungsreihe mitgemacht habe, war ich sehr erstaunt, wie weit die Technik schon ist. Was alles möglich ist. Und an was Firmen wie Tesla und Google bereits arbeiten. Das kann schnell an einem vorbeigehen.


Wo siehst du die Chancen der Transformation?


Die Transformation bietet viele Möglichkeiten – wenn man sie sinnvoll gestaltet. Gottseidank haben wir in Deutschland ja umfassende Mitbestimmungsrechte und -pflichten. Diese werden aber oft nur unzureichend ausgeschöpft. Wenn wir von Gestaltungsmöglichkeiten sprechen, ist da noch viel mehr drin.


Welche Ursachen hat diese mangelnde Ausschöpfung?


Oft liegt das an schlechten Qualifizierungen bzw. Kenntnissen. Manchmal aber auch schlicht an Bequemlichkeit oder Über-Angepasstheit. In diesem Sinne plädiere ich simpel dafür, die Mitbestimmungsrechte konsequenter auszuschöpfen. Dies gilt insbesondere für die Mitgestaltung der Transformation. Wir müssen raus aus der Komfortzone und unsere Mitbestimmungsrechte und Pflichten wahrnehmen.


Wie findest du als junge Betriebsrätin eure Arbeitsprozesse im Betriebsrat – möchtest du was verändern?


Ich würde gerne das bewahren, was sich in den letzten Jahren bewährt hat. Und dennoch neue Wege wagen! Ich bin mit Abstand die Jüngste im Gremium und das ist manchmal nicht ganz einfach. Ich komme halt grundsätzlich mit einer ganz anderen Geschwindigkeit an. Beispielsweise verstehe ich die mangelnde Akzeptanz moderner Kommunikationskanäle wie Whatsapp oder Soziale Medien nicht. Als ob man da gleich völlig seine Privatsphäre aufgebe oder rund um die Uhr empfänglich sein müsse. Selbst mobiles Arbeiten ist für die meisten BR-Mitglieder noch Zukunftsmusik. Im Zug mal die Mails checken, an Konzepten arbeiten, Telefonate führen – keine Chance. Es gibt eine grundsätzliche Abwehrhaltung gegen alles Neue – als ob man gleich alles Alte über Bord werfen würde. Im Unterschied dazu bin ich als 26-Jährige eine „digital Native“. Das sind schon ziemlich unterschiedliche Voraussetzungen.


Neben der Einführung neuer digitaler Tools würde ich gerne unsere Arbeitsmethoden und Entscheidungsprozesse verändern. Da ist uns der Arbeitgeber meilenweit voraus. Dort gibt es agiles Arbeiten in Teams. Zu den unterschiedlichen Themen werden ExpertInnen eingeladen bzw. hinzugezogen. Es findet ein Meinungsbildungsprozess statt. Positionen müssen nicht zwangsläufig zementiert werden, sondern kommen immer wieder auf den Prüfstand. Genau so etwas stelle ich mir für uns auch vor – ist aber im Moment noch Zukunftsfantasie.


Wie sieht euer Verhältnis zum Arbeitgeber aus? Wie arbeitet ihr zusammen?


Auch auf der Arbeitgeberseite habe ich es zum großen Teil mit abhängig Beschäftigten zu tun, denn, ob man es glauben mag oder nicht, auch ein Produktionsmeister kann mal die Unterstützung einer Betriebsrätin brauchen, weil er einen Konflikt mit seinem Vorgesetzten hat oder die Arbeitsverdichtung zunimmt. Natürlich ist das nicht immer einfach, aber ich denke, mir gelingt der Spagat. Auf den höheren Ebenen sehe ich dann aber doch überwiegend die Interessenkonflikte bzw. die Klassengegensätze. Das deckt sich auch mit den Verhandlungen, die von den Betriebsratsvorsitzenden einerseits und von den Personalchefs andererseits geführt werden. Da lässt sich ebenfalls ein distanziertes, professionelles und abgestecktes Verhalten beobachten.


Und wie werden Konflikte ausgetragen?


Konflikte gibt es natürlich immer wieder. Sie ergeben sich zwangsläufig aus dem kapitalistischen System und den Klassengegensätzen. In der Realität changieren wir aber zwischen Konfliktbereitschaft und abgeklärten Pragmatismus – den ich manchmal schwer verdaulich finde. Beispielsweise erkenne ich in meiner Umwelt ein mangelndes Bewusstsein dafür, dass die Gewinne immer noch sehr ungerecht an die ArbeiterInnen verteilt werden. Dabei arbeiten wir in einer Branche, die jährlich Rekordgewinne macht. Unsere Aufgabe ist es, hierfür das Bewusstsein zu schaffen. Beispielsweise mit Hilfe der kapitalismuskritischen Seminare der IG Metall.


Ein anderes Reizthema ist für mich „Fremdvergabe“ bzw. „Outsourcing“. Auf diesem Weg können oft die Personalkosten gesenkt werden, weil viele Firmen ein anderes Lohnniveau haben als Daimler. Eigentlich haben wir als Betriebsrat in diesem Punkt einen effektiven politischen Stellhebel. Die Deals sehen dann aber oft so aus, dass wir Leiharbeit zulassen und im Gegenzug Investitionenszusagen oder Garantien für die Stammbelegschaft ausgesprochen werden. Es gibt also ArbeiterInnen erster und zweiter Klasse, die gegeneinander ausgespielt werden, was mich auf die Palme bringt. Hier würde ich mir mehr Konfliktbereitschaft und weniger Egoismus wünschen.


Wo siehst du euch in fünfzehn Jahren als Gremium?


Ich werde hoffentlich sehr viel mehr junge weibliche Kollegen haben. Frauen werden insgesamt mehr Verantwortung übernehmen. Wir werden agil arbeiten. Und wir werden besser darin geworden sein, die Beschäftigten nach ihrer Meinung zu fragen. Wir werden beispielsweise für Abstimmungen oder Meinungserhebungen moderne Tools benutzen. Unsere Betriebsversammlungen werden interaktiv gestaltet sein. Denn es ist doch schlicht so: Wenn ich in Verhandlungen gehe, wird das Ergebnis doch immer bessere Akzeptanz finden, wenn alle einbezogen waren und es „unser“ Ergebnis ist. Mitentscheiden sollten bekanntlich diejenigen, um die es auch angeht. Ich habe einfach keinen Bock mehr auf StellvertreterInnen-Politik. Man sollte nicht ständig den Anderen das Kämpfen überlassen, sondern es gemeinsam durchziehen.


Und wo siehst du in fünfzehn Jahren Daimler bzw. euren Betrieb?


Ich sehe Daimler am Scheideweg. Daimler wird massiv investieren und Neues wagen müssen, wenn sie mithalten wollen mit Google, Tesla und Co. Das betrifft den Konzern als Ganzes – ein bisschen Digitalisierung ist zu wenig. Es geht darum, Mobilitätsanbieter zu werden und nicht nur Autos zu produzieren. Im Vergleich zu Google ist Daimler mittlerweile winzig – Google hat es aber natürlich auch leichter, weil es für diesen Konzern kaum soziale Regelungen gibt.


Was noch? Die Arbeit wird hoffentlich ergonomischer und effizienter sein. In der Fertigung werden wir schneller und besser zusammenarbeiten und die Kundenorientierung optimiert haben. Ich möchte aber auch eine klassenbewusste, werteverbundene und gebildete Belegschaft. Es ist wichtig, dass wir kämpferisch bleiben, denn wir werden höchst wahrscheinlich auch in fünfzehn Jahren noch im Kapitalismus leben. Wir müssen nicht wegen jedem Quatsch die Revolution ausrufen, aber wir sollten uns auch nicht vom Arbeitgeber erpressen lassen. Jubeln bei Fremdvergabe wird hoffentlich Vergangenheit sein!


Cheyenne Todaro (26) ist stellvertretende Vertrauenskörper-Leiterin sowie Betriebsrätin des Mercedes-Benz Werks Mannheim, einem Produktionswerk für Truck-Motoren und Stadtbusse. Insgesamt sind über 9000 Menschen in diesem Werk (Daimler Truck AG / EvoBusGmbH) beschäftigt.

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